
Paul Kink
Die Kreuzteile des neuen Chiemgau-Kreuzes lagerten am Verladebahnhof in Niederaschau. Der damals 19-jährige Pauli Kink holte im Spätsommer 1949 die Teile mit seinen zwei Mulis ab und machte das Gespann für den beschwerlichen Weg bereit. In einer Art Festzug ging es hinauf nach Hohenaschau. Er hatte nach einem Gespräch zwischen Josef Hell und seinem Vater den Auftrag erhalten, das Kreuz so weit wie möglich auf den Berg zu bringen. Als Lohn wurden „währungsfrische“ 5,00 DM pro Zentner vereinbart; der Stundenlohn betrug 1,00 DM.
Der Transport über den schmalen, steilen und windungsreichen alten Ziehweg zur Steinlingalm war eine enorme Herausforderung und die einzige Möglichkeit, das Kreuz zu transportieren. Es gab weder Hubschrauber, Seilbahnen noch ausreichend breite Wege für größere Fahrzeuge. Die Mulis mussten teilweise hintereinandergespannt werden. Nur dank Muskelkraft und etlicher starker helfender Begleiter gelang es in einer guten Woche, das Material bis zur Latschengrenze oberhalb der Steinlingalm zu schleppen.
Ein Dokumentarfilm „Das Chiemgau-Kreuz“ von 2004 des Filmemachers Jürgen Martin zeigt die spannende Geschichte, wie das Kreuz auf den Gipfel der Kampenwand hinaufkam und welch unglaubliches Geschick und welche Kraft es Paul Kink und seinen starken Helfern abverlangte, diese enorme Leistung zu stemmen.
Unterdessen verankerten die Höslwanger auf dem Gipfelfelsen eine Seilwinde mit einem 2‑PS-Sachs-Motor. Um die Eisenteile den steilen Hang hinaufzubringen und die senkrechten Felsen zu überwinden, mussten rund 400 Meter Seile aus Aschau herbeigeschafft werden. Stück für Stück wurde das Material, teilweise auf Eisenrutschen, bis an die Felswand geschleift.
Für den finalen Aufzug errichteten die Männer auf dem Gipfel eine Galgen-Konstruktion mit einem Seilzug. Mit dem motorisierten Seilzug und purer Körperkraft wuchteten sie das schwere Material frei schwebend über dem Abgrund nach oben, während Helfer mit Brecheisen ein Verfangen am Fels verhinderten. Wie extrem die Belastung war, zeigt ein Zwischenfall, bei dem sich der Windenmotor so erhitzte, dass er Feuer fing. Mangels Wasser löschten einige Männer die Flammen, indem sie darauf pieselten, bevor Franz Weinzierl oder Pauli Kink das Feuer endgültig mit einer Jacke ersticken konnten.
Gerade noch rechtzeitig vor dem Wintereinbruch war dieser anstrengende und sehr gefährliche Kraftakt vollbracht: Dank zahlreicher Helfer aus vielen Chiemgau-Gemeinden, die vor allem an den Wochenenden unermüdlich mit anpackten, waren alle Kreuzteile auf den Gipfel geschafft worden. Dort lagerten sie bis zur Fertigstellung des neuen Gipfelkreuzes 1950.
