Josef Hell breit

Josef Hell

Der dama­li­ge Aschau­er Lei­ter der Tou­ris­ten­in­for­ma­tio­nen Wolf­gang Bude berich­tet in sei­ner Bro­schü­re zum 50-jäh­ri­gen Jubi­lä­um von der Geburts­stun­de des Chiem­gau-Kreuzes:
Nach einer Berg­tour im Jahr 1948 kam der Nach­bar Franz Schaff­ner zum Schmied Sepp und erzähl­te ihm, dass das alte Holz­kreuz auf dem Gipfel zer­stört sei – laut den Anga­ben des Gori­alm-Wirts durch einen Blitz­schlag.

Der damals 65-jäh­ri­ge Josef Hell und Franz Schaff­ner beschlos­sen dar­auf­hin, ein neu­es Kreuz für die Gefal­le­nen und Ver­miss­ten bei­der Welt­krie­ge zu schaf­fen (die­sen Zweck erfüll­te für den Ers­ten Welt­krieg bereits das alte Holz­kreuz). Für den Schmied, sei­nen Sohn Her­mann und des­sen Stief­bru­der Hans war sofort klar: Als Bau­ma­te­ri­al kommt nur Eisen infra­ge. Ein gro­ßer Für­spre­cher des Plans war Land­rat Georg Knott, der sich schnell und tat­kräf­tig für das Vor­ha­ben enga­gier­te.

„Wenn uns unser Land­rat net so gholfn hätt, warn ma net so schnell zum Anfan­ga kem­ma, aber der hat sich wirk­li eing­setzt“, erin­ner­te sich Josef Hell spä­ter dank­bar in einem Inter­view.

Bei einer gemein­sa­men Wan­de­rung auf die Kam­pen­wand wur­de das Vor­ha­ben von Sepp und Franz ordent­lich durch­ge­spro­chen. Die ursprüng­li­che Höhe war eigent­lich mit 4 Metern geplant. Doch als die bei­den schließ­lich an der Stein­lin­g­alm unter­halb des Gip­fels anka­men, war der Plan bereits auf gewal­ti­ge 12 Meter ange­wach­sen.

So kurz nach dem Krieg war es extrem schwer, das nöti­ge Mate­ri­al zu bekom­men. Jedes Stück Alt­ei­sen – über­wie­gend aus­ein­an­der­ge­schnit­te­ne Sau­er­stoff­fla­schen – wur­de für den Bau des Monu­ments ver­wen­det. Für den Sockel des Kreuzes zer­teil­te der Schmied unter ande­rem sogar die Stahl­plat­ten-Res­te eines alten Pan­zers. Dank des unbän­di­gen Enthu­si­as­mus aller Betei­lig­ten waren die Vor­be­rei­tungs­ar­bei­ten im Som­mer 1949 abge­schlos­sen. Stol­ze 2.000 Arbeits­stun­den wur­den bis zu die­sem Zeit­punkt bereits inves­tiert. Nach­dem auch der Grund­stücks­be­sit­zer, Baron Lud­wig Bene­dikt von Cra­mer-Klett, sei­ne Ein­wil­li­gung zur Errich­tung des Kreuzes auf dem Ost­gip­fel erteil­te, stand der Akti­on nichts mehr im Weg.

Die Gemein­de Höslwang mit Bür­ger­meis­ter Johann Lin­ner sowie die Gemein­den Hohen- und Nie­der­aschau mit den Bür­ger­meis­tern Georg Bau­er und Rupert Wör­le unter­stütz­ten die fol­gen­den Trans­port- und Auf­bau­ar­bei­ten am meis­ten. Die Rei­se des Kreuzes begann in Höslwang und führ­te zuerst nach Prien am Chiem­see. Beim ers­ten Gaufest nach dem Krieg, am 15. August 1949, wur­den die Kreuz­tei­le stolz auf einem Wagen vom Mau­rer Felix (Felix Hell) und Niko­laus Hell sowie ihren Beglei­tern Mar­tin Schied und Niko­laus Schach­ner prä­sen­tiert. Im Anschluss dar­an trat das Kreuz den Weg im Güter­wa­gen von Prien nach Hohen­aschau an, wo es am Ver­la­de­bahn­hof zwi­schen­ge­la­gert wur­de.

Der damals erst 19-jäh­ri­ge Paul Kink bekam nach lan­gen Gesprä­chen über die Mach­bar­keit des Trans­ports den Auf­trag, die schwe­ren Kreuz­tei­le so weit wie mög­lich auf den Berg zu brin­gen. Aus heu­ti­ger Sicht scheint es schier unfass­bar, wie es mit der Hil­fe von zwei Mulis und vie­len frei­wil­li­gen Hel­fern gelang, ein 10 Meter lan­ges, ton­nen­schwe­res Eisen­teil über die schma­len, stei­len und extrem win­dungs­rei­chen Berg­we­ge zu beför­dern.

Auf dem ers­ten Weg­stück vom Bahn­hof bis nach Hohen­aschau wur­de das Gespann noch von einer Art Fest­zug beglei­tet. Höher am Berg waren die Pfa­de dann teil­wei­se so eng, dass die Mulis hin­ter­ein­an­der­ge­spannt wer­den muss­ten. Nur dank treu­er Beglei­ter wie dem Lede­rer Lois von Hain­dorf, dem Schei­cher Toni (Toni Oster­ham­mer) von Auf­ham sowie purer Mus­kel­kraft erreich­ten die Kreuz­tei­le nach einer gan­zen Woche die Latschen­gren­ze ober­halb der Stein­lin­g­alm.

Doch der aben­teu­er­lichs­te Teil lag noch vor ihnen: der Weg von der Alm auf den nack­ten Gip­fel­fels. Die Höslwan­ger hat­ten dort oben bereits eine Seil­win­de mit einem 2‑PS-Sachs-Motor mon­tiert. Um die dafür nöti­gen 400 Meter Seil zusam­men­zu­be­kom­men, lie­fen Frei­wil­li­ge wie Bru­no Mnich teil­wei­se drei­mal am Tag den Weg vom Tal bis zum Gipfel hin­auf. Stück für Stück wur­den die schwe­ren Eisen­tei­le so nah wie mög­lich an die Fels­wand her­an­ge­bracht. Auf dem Gipfel stand nun eine Art Gal­gen, der über den Seil­zug mit dem Motor ver­bun­den war. Eine unvor­stell­ba­re logis­ti­sche Meis­ter­leis­tung, die nur durch das Zusam­men­spiel von Motor- und Mus­kel­kraft und Brech­ei­sen gelang, mit denen die Hel­fer ein Hän­gen­blei­ben der Eisen­tei­le am Fels ver­hin­der­ten. Recht­zei­tig vor dem Win­ter­ein­bruch war es geschafft: Alle Tei­le lagen sicher auf dem Gipfel.

Im dar­auf­fol­gen­den Jahr 1950 gin­gen die Arbei­ten am Fun­da­ment wei­ter. Zement, Was­ser, Sand, Werk­zeu­ge und das Schweiß­ge­rät muss­ten müh­se­lig nach oben geschleppt wer­den. Franz Schaff­ner erzähl­te spä­ter, dass er an einem ein­zi­gen Ein­satz­tag stol­ze 13 Mal von der Stein­lin­g­alm mit einem hal­ben Zent­ner (25 kg) Zement auf dem Rücken zum Gipfel auf­stieg. Josef Hell ging an die­sem Tag sogar 14 Mal – und der Mann war zu die­sem Zeit­punkt bereits 67 Jah­re alt!

Am 24. Sep­tem­ber 1950 zele­brier­te Mon­si­gno­re Dr. Alo­is Röck an einem schlich­ten Altar auf der Stein­lin­g­alm eine fei­er­li­che Berg­mes­se. Pünkt­lich um 12:00 Uhr soll­te das wuch­ti­ge Kreuz dann auf dem Gipfel auf­ge­stellt wer­den. Unzäh­li­ge Men­schen waren an die­sem Tag auf die Kam­pen­wand gestie­gen, und selbst der Baye­ri­sche Rund­funk berich­te­te vor Ort.

Dabei wäre es um ein Haar zu einer Kata­stro­phe gekom­men: Man hat­te ver­ges­sen, den obe­ren Splint zu ent­fer­nen, der eigent­lich als pro­vi­so­ri­sche Siche­rung für das fer­tig ste­hen­de Kreuz gedacht war. Erst als das wuch­ti­ge Eisen­kreuz nahe­zu senk­recht stand und in der Hal­te­rung ein­ras­ten soll­te, traf es mit vol­ler Wucht auf den noch im Loch ste­cken­den Bol­zen. Die­ser zer­brach durch den enor­men Hebel­druck augen­blick­lich. Zum Glück hielt der Splint am Fuß des Kreuzes stand, sodass die Män­ner das Monu­ment mit gro­ßem Geschick aus­ba­lan­cie­ren und sichern konn­ten.

Die gro­ße Ein­wei­hungs­fei­er am 26. August 1951 war für Josef Hell und Franz Schaff­ner bestimmt ein tief bewe­gen­der Moment. Nur drei Jah­re nach der ers­ten Idee stan­den sie am fer­ti­gen Kreuz und durf­ten die ers­ten Ein­tra­gun­gen im Gip­fel­buch vor­neh­men. Laut Zei­tungs­be­rich­ten waren rund 3.000 Men­schen her­bei­ge­strömt, um die­sem his­to­ri­schen Ereig­nis bei­zu­woh­nen.

Schon 1951 wur­de Josef Hell, stell­ver­tre­tend für Franz Schaff­ner, sowie sei­ne Söh­ne Her­mann und Hans Hell und Franz Schaff­ner jun. zum Ehren­bür­ger von Höslwang und Aschau ernannt. Im Jahr 1955 folg­te die Aus­zeich­nung Josef Hells mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz – initi­iert durch das gro­ße Enga­ge­ment der Gemein­den Höslwang und Aschau, allen vor­an Mon­si­gno­re Dr. Alo­is Röck und Land­rat Georg Knott.

Ein sehn­li­cher Wunsch blieb Josef Hell zeit sei­nes Lebens ver­wehrt: Er hoff­te, dass in der Nähe der Stein­lin­g­alm eine Kapel­le gebaut wer­de, um die Gedenk­mes­sen in einem wür­di­gen Rah­men fei­ern zu kön­nen. Für die Ein­rich­tung des klei­nen Kirch­leins lies er bereits 1960 aus einer Lin­de in der Nähe von Höslwang eine Mari­en­sta­tue schnit­zen. Der Traum der Kapel­le erfüll­te sich zu sei­nen Leb­zei­ten nicht mehr; Sepp Hell starb am 20. Febru­ar 1965 in Höslwang.

Was Josef Hell und Franz Schaff­ner dem Chiem­gau hin­ter­las­sen haben, ist mit Wor­ten kaum zu beschrei­ben. Die Bedeu­tung, die das Chiem­gau-Kreuz heu­te für die Men­schen hat, ist unge­bro­chen. Sei­ne fun­da­men­ta­le Bot­schaft – die Mah­nung, den Frie­den zu wah­ren – ver­liert nie an Aktua­li­tät. Zum 75-jäh­ri­gen Jubi­lä­um ist sie viel­leicht sogar wich­ti­ger denn je, als damals, als den Men­schen die Schre­cken der Kriegs­zeit noch tief in den Kno­chen steck­ten.