
Franz Schaffner junior
Das Chiemgau-Kreuz auf dem Ostgipfel der Kampenwand ist ein Wahrzeichen der Region und Zeugnis eines außergewöhnlichen, über drei Generationen hinweg gelebten ehrenamtlichen Engagements. Ein Name ist mit der Entstehung, der Vollendung und dem jahrzehntelangen Erhalt dieses Denkmals untrennbar verbunden: Franz Schaffner junior.
Als Sohn des Kreuzmiterbauers Franz Schaffner und Nachbar des Kreuzbauers Josef Hell war er von der ersten Minute dieser historischen Geschichte mit aktiv mit dabei. Sein unermüdlicher Einsatz prägte die Geschichte des höchsten Gipfelkreuzes der Bayerischen Alpen von den ersten Stunden der Nachkriegszeit bis in die moderne Gegenwart.
Die tiefe Verbundenheit mit dem Bergkreuz wurde dem gelernten Handwerker quasi in die Wiege gelegt. Im Spätsommer 1948 entdeckte sein Vater, der Höslwanger Schreinermeister Franz Schaffner senior, gemeinsam mit seinen Kindern das hölzerne Vorgängerkreuz aus den 1920er-Jahren in trümmerhaftem Zustand auf dem Gipfel. Ein Blitz hatte das einstige Mahnmal zerstört. Der traurige Anblick weckte in der Familie den tiefen Wunsch, das Kreuz zu ersetzen. Zurück in der Heimat schmiedete der Vater gemeinsam mit dem Nachbarn, dem Schmiedemeister Josef Hell, und den Söhnen beider Familien den ehrgeizigen Plan für ein neues, ungleich beständigeres Kreuz aus Eisen.
Als die eigentlichen Bauarbeiten auf dem Berg im Sommer 1950 begannen, packte Franz Schaffner junior bereits als tatkräftiger 16-jähriger Jugendlicher mit an. Das Projekt entwickelte sich für ihn schnell zu einem echten Herzensanliegen und tiefen Glaubensbekenntnis. In einer Zeit, in der es weder Hubschrauber, Seilbahnen noch breite Wege für schwere Fahrzeuge gab, bedeutete der Bau eine schier unvorstellbare körperliche Schinderei. Eine gewaltige Materialmenge von insgesamt 416 Zentnern (20,8 Tonnen) – bestehend aus Schalungsbrettern, Schweißgeräten, Werkzeugen, Zement und Wasser – musste im wahrsten Sinne des Wortes mit bloßen Händen und auf dem eigenen Rücken zum Gipfel geschleppt werden. Unvergessen bleibt dabei eine Episode während der Betonierarbeiten: An einem einzigen Tag lief Franz Schaffner junior stolze 13-mal die steile, kräftezehrende Strecke von der Steinlingalm hinauf zum Gipfel und trug dabei jedes Mal einen halben Zentner Zement auf dem Rücken. Nach der erfolgreichen Aufrichtung des Kreuzes am 24. September 1950 gehörte er zu jenen wenigen Männern, die für das historische Foto auf dem schmalen Gipfelgrat posierten.
Dieses herausragende Engagement der Gründerfamilien erfuhr bald höchste Anerkennung. Als Schmiedemeister Josef Hell im Jahr 1955 das Bundesverdienstkreuz überreicht wurde, betonte der Rosenheimer Landrat Georg Knott in seiner feierlichen Laudatio ausdrücklich, dass die Auszeichnung stellvertretend für die engsten Helfer galt. Namentlich hob er dabei Josef Hells Söhne sowie die Nachbarsfamilie Schaffner – Vater Franz senior und Sohn Franz junior – hervor, die gemeinsam das tragende Fundament des gesamten Kreuzbaus gebildet hatten.
Nachdem Hermann Hell im Jahr 1974 viel zu früh verstorben und die Familie Hell ohne weitere Nachfahren in der Nähe geblieben war, ging die alleinige Verantwortung für die Wartung und Instandhaltung des Kreuzes komplett auf die Familie Schaffner über. Nach dem Tod seines Vaters am 6. Oktober 1981 hielt Franz Schaffner junior diese Tradition jahraus, jahrein mit enormem persönlichen und auch finanziellen Einsatz aufrecht. Das exponierte, den Naturgewalten schutzlos ausgelieferte Monument verlangte kontinuierliche Pflege. Für dieses lebenslange ehrenamtliche Wirken wurde Franz Schaffner junior im Jubiläumsjahr 2001 zweifach geehrt: Er erhielt eine Dankurkunde der Gemeinden Aschau und Höslwang sowie das renommierte Ehrenzeichen des Bezirks Oberbayern, welches er gewohnt bescheiden stellvertretend für alle freiwilligen Helfer entgegennahm.
Wie lebendig der Tatendrang von Franz junior auch nach fünf Jahrzehnten geblieben war, bewies eine schweißtreibende Aktion im heißen Sommer desselben Jahres. Gemeinsam mit einem kleinen Höslwanger Team schaffte er es an drei harten Arbeitstagen, die ursprünglich schon vor 50 Jahren geplanten, massiven und jeweils 30 Kilogramm schweren Kupferkugeln per Seilzug am Gipfelkreuz zu montieren und dem Bauwerk einen frischen Anstrich zu verpassen. Damit schloss sich ein Kreis und das Kreuz erhielt endlich sein vollendetes Gesicht.
Zwei Jahre später, im Jahr 2003, setzte Franz Schaffner junior einen weiteren, zukunftsweisenden Meilenstein. Schon lange trug er die Vision im Herzen, das Kreuz dauerhaft und zeitgemäß mit umweltfreundlichem Solarstrom zu beleuchten. Früher musste für jede nächtliche Beleuchtung ein schweres Aggregat samt Benzinkanister auf den Berg geschleppt werden. Es gelang ihm, namhafte Fachfirmen für Material- und Arbeitsspenden zu gewinnen, sodass im Jahr 2003 mithilfe der Feuerwehr Höslwang, der Bergwacht und zahlreicher Helfer eine autarke Solaranlage installiert werden konnte. Seitdem wird das Kreuz vollkommen umweltfreundlich versorgt – und Franz Schaffner junior konnte das Licht fortan ganz komfortabel per Funk vom eigenen Balkon aus einschalten.
Auch im fortgeschrittenen Alter blieb er der wichtigste Hüter der Geschichte. Als im August 2011 zum 60-jährigen Jubiläum eine feierliche Sonderausstellung im Aschauer Rathaus eröffnet wurde, stellte sich Franz Schaffner junior der Öffentlichkeit persönlich als Zeitzeuge zur Verfügung.
Franz Schaffner jun. starb am 13. Mai 2014, doch bis heute sorgt sein unermüdliches Wirken dafür, dass die wertvolle Historie und die Botschaft des Chiemgau-Kreuzes lebendig bleiben und respektvoll in die Zukunft getragen werden.
